Die lebenden Weihnachtsbäume
Eine Weihnachts- bzw. Bethlehem-Geschichte für Kinder und Erwachsene

 

Die drei Geschwister Thomas, Sara und Benni haben ihr erstes Weihnachtsgeschenk in diesem Jahr schon einige Tage vor dem Heiligen Abend erhalten. Gerhard und Marion, die Eltern der Kinder, haben nämlich entschieden, dass die Kinder in diesem Jahr den Weihnachtsbaum für das Wohnzimmer aussuchen dürfen - und nicht, wie sonst üblich, der Vater. Und das Besondere dabei ist: Sie dürfen sich den "Christbaum", wie er auch genannt wird, sogar direkt im Wald holen. Denn der Förster ist der Bruder von Vater Gerhard, es ist Onkel Martin. Und der Onkel hat versprochen, jeden Baum zu fällen, den sich die drei Geschwister wünschen, und wenn es der schönste Baum des ganzen Waldes ist. 

Der Sturm auf die Fichtenschonung

Und so kommt der Tag, an dem die drei Kinder, Thomas, Sara und Benni, mit Martin, ihrem Onkel, und dessen Hündin Luzy in den Wald fahren. Dort angekommen, stürmen Sara und Benni gleich auf die nahe Fichtenschonung zu, wo die Bäume vor vielen Jahren enger gesetzt und mit einem kleinen Zaun umgeben wurden, weil schon geplant wurde, irgendwann Weihnachtsbäume aus ihnen zu machen. Doch Thomas, der Dritte im Bunde, ist schon den ganzen Tag über nachdenklicher als sonst, und ihm scheint es heute nicht so gut zu gehen, was seine beiden Geschwistern aber nicht weiter bemerken. 

Am Eingang des Waldes. Zwei mächtige Fichten begrüßen die Waldbesucher

Schnell haben Sara und Benni einige Fichten in Wohnzimmerhöhe gemustert, und nach einigem Hin- und Her-Prüfen zeigen sie beide mit den Händen auf eine sehr schön gewachsene Fichte am Rand der Schonung. "Diesen Baum möchten wir haben," rufen Benni und Sara mit freudigen Augen. Doch Thomas zögert: "Ich weiß noch nicht."
"Willst du noch etwas weitersuchen?", fragt ihn Förster Martin. Doch Thomas ist nicht zum Suchen zu Mute. Schon den ganzen Tag scheint ihn innerlich etwas zu beschäftigen, doch er hat noch mit keinem darüber gesprochen. Jetzt kann er aber seine Gedanken nicht weiter für sich behalten: "Dieser schöne Baum ist dann aber ein sterbender Baum, wenn wir ihn gefällt haben", wendet er ein. Seine beiden Geschwister sind irritiert und auch Onkel Martin schaut erstaunt.
 

Nach dem Weihnachtsfest werden die Nadeln gelb und fallen ab
 

"Wie? Sterbender Baum? Das ist doch normal", entgegnet Benni. Und Sara ergänzt: "Bis Weihnachten und noch länger ist es doch noch ein kräftiger Baum. Erst später wird er dann gelb."
"Eben, aber sein Todeskampf beginnt schon jetzt, wenn wir ihn fällen und mitnehmen. Bis er dann gestorben ist", antwortet Thomas, und sein Einwand führt zu betretenen Gesichtern.
"Na, ja", überlegt Onkel Martin, der ein gütiges Herz hat und bei allen Kindern beliebt ist. "So ganz Unrecht hat euer Bruder nicht. Der Baum stirbt dann schon ziemlich schnell. Denn wenn das Weihnachtsfest vorbei ist, wird er ja nicht mehr gebraucht. Und er hat ja dann auch keine Wurzeln mehr, so dass dann die Nadeln erst gelb werden und dann abfallen. Man kann den Baum aber noch verbrennen, wenn man ihn nicht wegwerfen will. Das gibt noch ein schönes warmes Lagerfeuer. Das habe ich schon manchmal so gemacht."

Doch: Wegwerfen? Verbrennen? Den schönen Weihnachtsbaum? An so etwas hatte Sara bis dahin überhaupt noch nicht gedacht. Und auch ihr kommen nun Zweifel: "Tut das dem Baum eigentlich weh, wenn man ihn fällt?" fragt Sara zögerlich ihren Onkel, den Förster.
Der Onkel überlegt kurz: "Ich bin zwar Förster. Aber das weiß ich ehrlich gesagt nicht", und er fährt mit etwas kräftigerer Stimme fort: "Ich habe jedenfalls noch keinen Baum schreien hören. Es ist eben ein Baum und nicht ein Mensch oder ein Tier, die uns mitteilen können, wenn sie Schmerzen haben."
Als sein Onkel das gesagt hat, wird Thomas nun ganz unruhig und sagt, was er darüber denkt: "Ich habe aber zu Hause ein Buch. Und da steht drin, dass Bäume rufen können und dass Bäume, die man absägt, dabei Schmerz empfinden. Und dass Bäume, die man gefällt hat, sterbende Bäume sind."
"Ich habe so etwas noch nirgends gelesen", antwortet Benni.
Doch Thomas lässt sich nicht beirren: "Ich habe es aber nicht nur gelesen. Auch schon gesehen habe ich es. Ich war nämlich dabei, als man den großen Baum am Eingang vom Dorf gefällt hat. Das war, als die Straße dort breiter gemacht wurde. Und da habe ich das getestet, ob es stimmt. Weil ich wissen wollte, ob der Baum wirklich schreit. Und ich glaube, das stimmt. Als der Baum umgefallen ist, habe ich mich voll darauf konzentriert, und da habe ich es gehört."

Jetzt atmen alle anderen erst mal durch, bis Benni erneut das Wort ergreift: "Das war doch nur das Krachen, als der Baum umgefallen ist, und als einige Äste und Zweige dabei gebrochen sind. Das ist doch normal, wenn man einen Baum fällt. Es macht ´Wuuuumm`, und am Boden liegt der Baum."
 

Die Seele oder das Wesen des Baumes
 

"Das meine ich nicht", widerspricht Thomas. "In dem Buch steht, dass auch die Seele oder das Wesen des Baumes schreit, wenn er umgehauen wird. Und ich habe das eben ausprobiert, auf das Wesen des Baumes zu hören. Und außerdem stammt das nicht von mir. Das alles haben weise Menschen früher schon so heraus gefunden, und auch richtige Indianerhäuptlinge waren dabei. Und die kennen sich mit Bäumen besonders gut aus."
"Na, ja, ich bin zwar kein Häuptling", entgegnet Onkel Martin, der Förster, "aber ein bisschen kenne ich mich wohl auch mit Bäumen aus. Und ich kann mich auch an diesen Tag erinnern. Es war wirklich eine prächtige große Eiche, die man damals gefällt hat. Wirklich schade um den schönen Baum. Das hat mir damals auch sehr weh getan. Wie viele Jahre ist er dort schon gewachsen und hat Generationen von Menschen immer wieder gefallen, dort wo er stand, und er hat ihnen Schatten und Sauerstoff gespendet. Und viele Vögel bauten dort ihre Nester. Der Baum war älter als die ältesten Einwohner des Dorfes", so erklärt jetzt der Förster den Kindern. "Ich hatte kein gutes Gefühl, als der Baum umgefallen ist. Aber ob er wirklich geschrien hat? Was denkst du, Thomas, hat die Eiche gerufen? Wenn sie tatsächlich geschrien hat, dann sollte ich als Förster das auch wissen."

Thomas freut sich, dass sein Onkel ihn ganz offensichtlich ernst nimmt und er versucht zu erklären: "Es war eben so ähnlich wie ein Schrei. Aber ich habe das nicht direkt gehört. Sondern mehr so gespürt. Und so steht es auch in dem Buch, dass man es mehr spürt als dass man es hört. Es war eine eigenartige Stimmung in der Luft ..." Thomas erzählt sein Erlebnis so beschwörend, dass einem ein Schauer den Rücken hinunter laufen könnte.
"Hör auf, Thomas, hör bitte auf! Mir ist das unheimlich", unterbricht ihn seine Schwester. "Das mit der Eiche ist doch schon lange her. Aber wie ist das, wenn ein Weihnachtsbaum gefällt wird? Ich will nur dann einen Weihnachtsbaum, wenn er bestimmt nicht schreit."
 
Betretenes Schweigen. "So Freunde", brummt nun der Förster mit nachdenklicher Miene. "Die Frage ist: Was machen wir jetzt? Wollt ihr diesen schönen Baum für das Weihnachtsfest jetzt mitnehmen oder nicht? Oder soll´ ich euren Eltern sagen, der Thomas hat plötzlich Gewissensbisse bekommen, weil er Bäume schreien hört. Oder schreien spürt. Und Sara möchte den Weihnachtsbaum nur dann haben, wenn er bestimmt nicht schreit."
Die Kinder lassen ihre Köpfe hängen und keines von ihnen antwortet auf die Frage des Onkels. Und so wendet sich der Förster wieder an Thomas: "Hm. Ich denke mir, dass deine Häuptlinge und weisen alten Leute wahrscheinlich überhaupt nicht Weihnachten feiern. Vielleicht haben sie andere Bräuche. Aber hier im Dorf holen sich die Leute eben zu Weihnachten immer einen Baum für ihre Wohnzimmer. Und in der Kirche, das wisst ihr ja, steht immer der schönste und größte, und der Pfarrer bedankt sich dafür jedes Jahr bei mir persönlich. So ist das eben bei uns. Und so ist es auch dieses Jahr wieder ..."
 

Gewissensbisse und Waldgeister


"Ja", unterbricht ihn jetzt Sara. "Alle Jahre wieder das gleiche. Aber ich habe auch überhaupt keine Lust mehr, den Weihnachtsbaum zu fällen. Was ist, wenn es stimmt, dass es ihm dann auch weh tut wie der Eiche, und der Thomas merkt wieder, wie der Baum schreit? Ich finde das jetzt nicht mehr schön." Sara bekommt feuchte Augen und sagt weiter: "Dann soll lieber unser Vater wieder den Baum holen." 
Thomas ist überrascht, dass seine Schwester von seinen sorgenvollen Gedanken so getroffen wurde, und er versucht sich jetzt fast dafür zu entschuldigen: "Ich habe es ja nicht so richtig gehört damals, sondern mehr gespürt, das habe ich doch schon gesagt. In dem Buch steht: ´Die Bäume rufen. Du musst nur genau hinhören.` Ich muss das aber noch etwas üben, bis ich es richtig höre, Sara. So etwas muss man nämlich üben, das genaue Hinhören. Ich meine, der Weihnachtsbaum ist auch nicht so groß wie die Eiche damals. Vielleicht schreit er auch etwas leiser."

"Ich höre nichts", raunt Benni. "Ein Baum ist halt ein Baum. Aber wenn Thomas solche Bücher liest, dann ist das kein Wunder. Vielleicht wird es dann bei uns im Wohnzimmer an Weihnachten spuken, huuuuh - der Fluch der Waldgeister."
Plötzlich ist Stille. Benni scheint über seine eigenen Worte erschrocken zu sein, und die ganze Situation kommt auch ihm langsam unheimlich vor. Sara ist nun den Tränen nahe, Onkel Martin fährt sich mit den Händen durch sein graues Haar und Thomas denkt weiter vor sich hin. Benni schnauft einmal laut durch die Nase und sagt dann ganz schlicht: "Aber eigentlich möchte ich den Baum auch lieber nicht fällen. Ich finde, einmal ganz ehrlich und ohne Bücher betrachtet, solche Bäume gehören wirklich besser hier in den Wald als in ein Wohnzimmer. Ich überlege mir das einfach praktisch. Ganz normal eben." Und er bekräftigt seine Worte mit einem deutlichen Nicken.
In diesem Augenblick fängt die Hündin des Försters, an, laut zu bellen, nachdem sie die ganze Zeit friedlich am Boden gelegen war. "Seht ihr, Luzy will auch nicht, dass wir den Baum fällen", sagt Sara offenbar erleichtert und sie fängt an, wieder zu lächeln.
"Woher willst du das denn wissen?" wundert sich Benni, und er wird wieder etwas frecher. "Der Thomas hört die Bäume rufen, und du willst hören, was die Hunde bellen."
"Bei den Tieren kann man das viel leichter heraus bekommen, was sie meinen, als bei den Bäumen", erklärt Sara, und Förster Martin seufzt: "Ich merke schon: Da wollten euch eure Eltern eine Freude machen, dass ihr den Weihnachtsbaum in diesem Jahr aussuchen dürft, und jetzt wollt ihr nicht mehr. Was sagen wir jetzt bloß dem Gerhard und der Marion? Dass ihre Kinder Revolutionäre sind und Weihnachten in diesem Jahr ganz ohne Baum feiern wollen?"
 

Die Kindern ändern ihren Plan


"Wieso denn? Hier sind doch Hunderte, ja Tausende von Bäumen" entgegnet Benni und zeigt auf die vielen Bäume, die rund um sie herum stehen. "Feiern wir Weihnachten doch mal hier draußen, mit warmem Glühwein und Geschenke-Verstecken im Schnee."
Die anderen blicken etwas verdutzt und schauen einander an, und sie sind sich nicht sicher, wie ernst dieser Vorschlag gemeint ist. Und ganz offenbar weiß das auch Benni selbst nicht. Er zieht seine Schultern nach oben und sagt kleinlaut: "Ist ja nur eine Idee."
Kurzes Schweigen. Dann bricht Sara das Eis: "Was schaut ihr denn alle so? Ist doch genial. Wir feiern einfach mit allen den Tausend Bäumen hier", und sie breitet ihre Arme weit aus. Und unser Baum, den wir herausgesucht haben, bleibt stehen, und nächstes Jahr zu Weihnachten kommen wir wieder und besuchen ihn und schauen, wie viel er gewachsen ist."
"Genau", bemerkt Benni ein wenig schelmenhaft. "Wir haben ihn dann sozusagen vor dem Holzfäller ´gerettet`."

"Hunderte, ja Tausende von Bäumen!"

Bei diesen Worten wird Thomas noch einmal ganz ernst und nachdenklich und fügt hinzu: "Das ist schon wirklich kein guter Brauch. Während der Christbaum im Wohnzimmer langsam stirbt, feiern die Leute einfach so Weihnachten also ob nichts wäre ..."
"Ich hab´ noch eine Idee", unterbricht ihn Sara. "Wo wir uns doch schon einen Baum herausgesucht haben! Wir schmücken ihn einfach nicht im Wohnzimmer, sondern hier draußen, im Wald. Und wir bringen auch die Geschenke hier raus."
"Und unser Hund passt auf die Geschenke auf, dass sie von keinem geklaut werden", sagt Benni und zeigt auf Luzy, die nun wieder bellt, und man kann immer noch nicht sicher sein, was Benni nur zum Spaß sagt und was er ernst meint. Doch dann merkt man auch seine Begeisterung: "Also Leute, ich bin dabei." 
 

Das ganz andere Weihnachtsfest
 

Onkel Martin schaut noch ein wenig ungläubig, als ihn plötzlich Sara an die Hand nimmt, und ihn leise umschmeichelt: "Onkel Martin, dürfen wir? Du musst es uns erlauben."
Und der Onkel schüttelt immer noch ein wenig ungläubig, aber sehr wohlwollend den Kopf und sagt: "Na, da wollen wir mal sehen, was eure Eltern dazu sagen. Die müssen es euch erlauben. Nicht ich. Und ich stimme aber nur zu, wenn ihr dann keinen Krach macht. Ihr wisst doch: Der Wald ist das Zuhause der Tiere. Und die Tiere verdienen unseren großen Respekt."
Förster Martin sagt diese Sätze langsam, nachdrücklich und ganz bewusst. Denn er ist der einzige Förster weit und breit - und das sollte an dieser Stelle auch einmal gesagt werden - der sich schon lange dafür einsetzt, dass Tiere in Zukunft nicht mehr gejagt werden sollen. Und der an Weihnachten mit seiner Frau schon viele Jahre kein geschossenes oder geschlachtetes Tier mehr verspeist. Und der auch sonst seit einiger Zeit gar kein Fleisch und keine Wurst mehr isst. Weil er nämlich die Tiere sehr gern hat und weil er deshalb nicht möchte, dass seinetwegen irgendein Tier getötet wird. So hat er es auch den Kindern erklärt, als sie ihn früher einmal danach gefragt haben.

Und dann kommt tatsächlich alles ganz anders als man es ursprünglich geplant hatte. Und wie es dann weiter geht, ist schnell erzählt:
Vater Gerhard und Mutter Marion lassen sich ebenfalls von der Idee der Kinder anstecken. Und so wird im Familienrat gemeinsam und einstimmig beschlossen, sich an Heiligabend auf den Weg zu Martin, dem Onkel und Förster zu begeben und mit ihm zu den lebenden Weihnachtsbäumen im Wald zu gehen anstatt sich einen geschlagenen Baum ins Wohnzimmer zu stellen, der dann stirbt.
Dies soll aber noch nicht alles gewesen sein. Es passiert nämlich noch etwas Überraschendes.
 
Zunächst jedoch läuft am Heiligabend alles nach Plan. Doch als die Familie gerade das Haus verlässt, kommen ihr die beiden Nachbarskinder entgegen. "Geht ihr jetzt schon in die Kirche?" fragt eines der Kinder und schaut auf seine Uhr. "Ihr seid doch viel zu früh dran." "Nein, überhaupt nicht. Wir gehen gar nicht dorthin", schwärmt Thomas. "Wir gehen zu den lebenden Weihnachtsbäumen in den Wald, nicht zu dem großen sterbenden Baum in der Kirche, hoho."

"Aha, Thomas erzählt uns wieder einiges aus seinen Naturbüchern", sagt das andere Nachbarskind verschmitzt.
"Wir gehen in den Wald und feiern dort unsere Bescherung", erklärt Mutter Marion ganz leise und bedächtig. So, als hätte sie ein wenig Angst, dass es noch irgend jemand merken könnte. Und sie ahnt gar nicht, was sie damit bei den beiden Nachbarskindern auslöst. "Oh, das ist ja toll", rufen die beiden Kinder spontan, "wie macht ihr denn das genau? Bekommt ihr eure Geschenke dann im Wald?"


Im Stall von Bethlehem gab es auch keinen sterbenden Baum
 

Und auch an dieser Stelle ist schnell erzählt, wie die Geschichte dann weiter ging. Die beiden Nachbarskinder fangen ebenfalls Feuer bei dieser Idee, und Thomas, Sara, Benni und ihre Eltern haben auch gar nichts gegen eine größere Runde einzuwenden. Nur würde dies wegen der Eltern der beiden anderen Kinder bestimmt nicht gehen, so überlegen sie. Denn diese hätten natürlich schon alles ganz anders organisiert. Und außerdem gehen sie traditionell am Heiligabend immer in die Kirche und wollen sicher die Kinder dabei haben.
Doch die fünf Kinder schmieden schnell einen guten Plan. Weil die Nachbarseltern immer besonders an die Geburt von Jesus vor 2000 Jahren denken möchten und weil sie gern in der Bibel lesen, beauftragt man Thomas, sich etwas auszudenken, weil er am meisten über diese Dinge Bescheid weiß. "Kein Problem", sagt Thomas. "Bei unserer Sache passt alles zusammen: Jesus kam in einem Stall bei den Tieren zur Welt. Und da gab es auch keinen sterbenden Baum, den jemand gefällt und in den Stall gestellt hat. Und da war es ziemlich kalt, so ähnlich wie bei uns im Wald. Und im Wald, da sind ja auch Tiere, wie bei Jesus im Stall. Und das mit den Hirten damals, die lebten doch auch in freier Natur. Und die Geschenke der Könige, die wurden ja schließlich auch nicht in ein Wohnzimmer gebracht. Und eine Kirche gab es damals auch nicht. Also: Es passt alles sehr gut zusammen."

Doch die Kinder müssen zu ihrer Überraschung gar keine große Überzeugungsarbeit leisten, denn auch die Nachbarseltern haben, ganz anders als erwartet, gar keine so starren und traditionellen Vorstellungen, wie der Heilige Abend genau abzulaufen habe. Und so nimmt das Weihnachtswunder seinen Lauf, und es geschieht etwas, was man in diesem Dorf eigentlich nicht für möglich gehalten hätte.

Und so nimmt das Weihnachtswunder seinen Lauf ...

So sind es also fünf Kinder und sechs Erwachsene, denn es kommen noch Förster Martin und seine Frau hinzu, die sich am Heiligen Abend nicht um einen großen sterbenden Baum in einer Kirche oder in einem Wohnzimmer versammeln. Sondern welche bei den lebenden Bäumen im nahen Wald eine Waldweihnacht feiern. Und an einem der Bäume, den sich Sara, Benni und Thomas ausgesucht hatten, brennen die Weihnachtskerzen und an ihm hängen auch ein paar rote Weihnachtskugeln und einige Streifen Lametta. Das ist also der lebende Weihnachtsbaum der Familien, der weiter fest in der Erde verwurzelt bleiben darf. Und am Fuße des Baumes, da liegen die Geschenke für die Kinder, welche die Eltern zuvor in großen Taschen herbei getragen hatten. Und überall rund herum stecken brennende und knisternde Fackeln im Schnee, welche alle die vielen lebenden Weihnachtsbäume in diesem Wald erleuchten - ja, denn sie wurden alle an diesem Abend zu Weihnachtsbäumen.
 

Frohe Weihnachten auch für einige Tiere

Doch auch die Tiere im Wald werden an diesem Abend nicht vergessen. Für die Vögel werden Meisenknödel an mehreren Bäumen befestigt. Und auch wenn das Füttern größerer Tiere verboten ist und nur den Jägern erlaubt, legen die Kinder als Zeichen der Freundschaft für die Tiere einige Äpfel aus. Denn sie ahnen, dass gerade die größeren Tiere in der kalten Jahreszeit sehr leiden. Und leider werden die hungrigen Tiere dann oft abgeschossen, wenn sie sich vertrauensvoll den Futterstellen der Jäger nähern. Onkel Martin sagen sie zur Sicherheit von den Äpfeln nichts, damit er keine Schwierigkeiten bekommt.

Und bevor die Kinder schließlich anfangen, ihre eigenen Geschenke auszupacken, spielt die Mutter der Nachbarskinder mit der Gitarre noch eines der bekannten Lieder zum Mitsingen. Und Förster Martin passt genau auf, dass alle schön singen und vor allem nicht so laut. Wenn man schon an diesem "heiligen Abend" die Tiere im Wald aus der Ruhe bringt, dann soll der Gesang zumindest richtig sein und nicht schief. 

Die Kinder ahnen, dass gerade die größeren Tiere in der kalten Jahreszeit sehr leiden. Und leider werden die hungrigen Tiere dann oft abgeschossen.


Die Bäume rufen
 

Dann endlich die Bescherung. Und während die Freude nun groß ist und sich so manches Gespräch ergibt oder man noch mit den Geschenken beschäftigt sind, begutachtet Benni nachdenklich den geschmückten Baum und er blickt auf seinen Bruder. "Na, Thomas, was sagt uns jetzt dieser Baum?"
"´Danke`, sagt er, ganz einfach ´Danke`," so die knappe Antwort.
"Ok.", antwortet Benni. "Jetzt probiere ich es mal mit dem Hinhören."

Nach einer kurzen Pause fragt Thomas: "Und? Was hörst du?"
Benni drückt seine Lippen fest zusammen und sagt dann: "Ich glaube, der Baum sagt: ´Ich möchte auch ein Geschenk.`"
"Aber", so Thomas, "er hat doch schon welche: die Kugeln, die Kerzen, das Lametta ..."
"Davon hat der Baum doch nichts", antwortet Benni fast vorwurfsvoll. "Das ist doch etwas für die Menschen, damit es feierlich aussieht. Als Baum würde ich sagen: ´Wie wäre es mit etwas Dünger? Für mich und meine Freunde um mich herum.`"
Darauf hin fängt Benni an, herzhaft über seine eigenen Gedanken zu lachen, bevor er weiter spricht: "Du, Thomas, das ist kein Witz. Ich meine das ernst. Ich werde mal Onkel Martin fragen, was er davon hält."
Und für Sara, die auch hinzu gekommen ist, ist der Fall sowieso klar, und sie sagt: "Ist doch logisch, dass der Baum sich bedankt, dass wir ihn stehen gelassen haben und dass er sich über etwas Dünger freut. Das ist bei den Pflanzen in meinem Zimmer genauso."

Und so erleben die beiden Familien mit ihren Kindern und Förster Martin und seiner Frau einen Heiligen Abend, der sie noch lange Zeit danach im Inneren beschenkt. Außerdem hat es Förster Martin geschafft, dass es anschließend im größeren Kreis der beiden Familien im Forsthaus kein geschlachtetes Tier zum Essen gibt, sondern ein schmackhaftes Weihnachtsmenü mit leckerem gebratenen Gemüse und einigen Köstlichkeiten mehr. Schließlich hätten Maria und Josef bestimmt auch etwas dagegen gehabt, wenn man auch nur eines der Tiere im Stall von Bethlehem geschlachtet hätte.

Und noch einige Wochen später sagte der Förster zu einem Kollegen: "Das war mein bisher schönstes Weihnachtsfest. Und immer, wenn ich seither in den Wald gehe, muss ich daran denken, was mir die Kinder damals beigebracht haben: ´Die Bäume rufen. Du musst nur genau hinhören`."
 

Der Text  kann wie folgt zitiert werden:
Die lebenden Weihnachtsbäume - eine Weihnachts- bzw. Bethlehem-Geschichte für Kinder und Erwachsene von Dieter Potzel, 1992, zit. nach http://www.theologe.de/weihnachtsgeschichte.htm, Fassung vom 9.12.2016; @ Dieter Potzel, info@theologe.de
Diese Weihnachtsgeschichte darf für private nicht kommerzielle Zwecke vorgetragen, auf Wunsch gekürzt und auch in kleineren Mengen kopiert werden, z.B. für Weihnachtsfeiern in Vereinen oder für Schulklassen. Umfangreichere Nutzungswünsche müssen mit uns abgesprochen werden. Vielen Dank!
Copyright © und Impressum siehe hier.

 

 

     
 


"Viele Jahre lang habe ich immer wieder an Weihnachten einen schönen Baum aus dem Wald für unser Wohnzimmer holen lassen. Bis ich ein Erlebnis hatte: Es war an einem Neujahrsmorgen, und ich blickte aus dem Fenster meines Wohnzimmers. Es war ein sehr stürmischer Morgen. Da wehte auf einmal ein Bäumchen heran, ein kleiner Baum, den jemand wohl einfach vor seine Türe geworfen hat. Der starke Wind trieb ihn die Straße entlang. Das Bäumchen war noch grün und in ihm hingen auch noch einige Reste von Lamettafäden, die an das vergangene Fest erinnerten. In diesem Augenblick erfasste mich plötzlich ein tiefes Mitgefühl mit dem kleinen Baum. Ich schaute dem weg geworfenen Bäumchen noch lange nach, wie es vom stürmischen Wind bald hierhin und bald dorthin getrieben wurde, und mir kam dabei in den Sinn: ´Was machen wir bloß mit den Bäumen? Diese Achtlosigkeit! Erst festlich dekoriert und dann einfach weggeworfen!` Es war, wie wenn ich aus einer Betäubung erwachte, und ich empfand dabei das Falsche an unserem Weihnachten. Seit diesem Erlebnis ließen wir nie wieder einen abgeschlagenen Baum in unser Wohnzimmer stellen." (Ein Erlebnisbericht)
 

 


 


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